Lange hat Deutschland die Digitalisierung des Gesundheitswesens verschleppt. Diese Versäumnisse werden gerade jetzt in der Coronakrise deutlich. Gleichzeitig zeigt sie, welchen großen Nutzen Digital Health mit sich bringt.

In Sachen Digital Health hat Deutschland bisher einen holprigen Start hingelegt. Erste Bemühungen zur Digitalisierung des Gesundheitswesens begannen Anfang der 2000er Jahre. Doch bis heute fehlen Digitaliserungsstrategien sowie die breite Akzeptanz bei Patient*innen sowie Ärzt*innen.

Über Jahre hinderte das Fernbehandlungsverbot erste Bemühungen der Telemedizin. Bis 2016 wurde an diesem Verbot nicht gerüttelt. Einzig erlaubt waren bis dahin nur medizinische Beratungen, jedoch keine Diagnosen oder Behandlungen per Videochat. Dann begann 2016 langsam die Öffnung für Modellprojekte in Baden Württemberg, später für die Behandlung per Videotelefonie nach persönlichem Erstkontakt. 2018 wurde dann der Weg für die Videosprechstunde endgültig geebnet. Einschränkungen oder Verbote gibt es nur noch für wenige Fachgruppen.

Im Ländervergleich hinkt Deutschland hinterher

Doch ist die Digitalisierung des Austauschs zwischen Arzt und Patientin erst der Anfang – und so steht Deutschland in Sachen Digital Health noch am Anfang. Das wird besonders im Vergleich mit anderen Ländern deutlich: Im Digital Health Index der Bertelsmann Stiftung von 2019 erreichte Deutschland nur den vorletzten Platz von 17 untersuchten EU- und OECD Ländern.

Diese Zögerlichkeit spiegelt sich auch in der Bevölkerung wider. Noch 2019 sahen die Deutschen Telemedizin sehr skeptisch, wie Statista in einer Studie herausfand. Fast ein Drittel der Befragten zeigten keinerlei Interesse an digitalen Services im Gesundheitswesen. Die meisten konnten sich noch für Online-Terminabsprachen und elektronische Rezepte erwärmen. Ob die aktuelle Coronakrise etwas ändert, wird sich zeigen.

Hürden der Digitalisierung in den Arztpraxen

Was sich jetzt schon zeigt, ist, dass auch die Ärzt*innen selbst nur wenig zur Digitalisierung beigetragen haben. Denn trotzdem Behandlungen per Videochat seit 2017 möglich und seit 2018 auch Ferndiagnosen erlaubt sind, nutzen dies nur die wenigsten.

Die Gründe dafür sind unterschiedlich. Oft sind solche Videodienste einfach nicht in die Praxis-IT integriert. Darüber hinaus fehlt den Ärzt*innen die Integration von elektronischen Rezepten und Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen. Bisher gibt es dazu nur wenige Pilotprojekte, aber keine deutschlandweite Lösung. Die schlechte Internetinfrastruktur und ungeklärte Datenschutzfragen dürften ihr Übriges dazu beitragen.

Einschränkungen bei den Videosprechstunden gab es aber weiterhin von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Diese beschränkte die abrechenbaren telemedizinischen Leistungen auf 20 % der Gesamtleistungen. Somit durfte bisher nur jeder fünfte Patient per Videochat behandelt werden. Diese Einschränkung wird jetzt aber bis zum 31. Mai aufgehoben. Seitdem der Coronavirus in Deutschland angekommen ist, steigt der Wunsch nach Videosprechstunden bei Patient*innen und Ärzt*innen deutlich. Bei einigen Anbietern entsprechender Tools stieg die Nachfrage um bis zu 60 %.

Immenser Informationsbedarf bisher kaum adressiert

Neben der Telemedizin ist der immense Informationsbedarf, den Menschen in Zeiten wie diesen haben, ein zentraler Punkt. Interessierte und besorgte Menschen suchen nach verlässlichen Informationen. Das Ausmaß von Falschinformationen ist kaum zu überblicken.

Gerade im Verdachtsfall einer Infektion mit dem Coronavirus gibt es bei vielen noch Unklarheiten: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung? Wie sollen sie vorgehen und sich verhalten? Wo bekommen sie verlässliche Informationen her oder an wen können sie sich wenden?

Die Schwierigkeiten beginnen bei überlasteten Webseiten und hören bei tagelang belegten Hotlines der Bezirks- und Gesundheitsämter nicht auf. Es braucht stabilere Informationssysteme, eine bessere Patientensteuerung, aber auch klare Informationsketten. Die Digitalisierung kann Teil der Lösung sein.

Chancen für Digitalisierung im Gesundheitswesen

Das scheint jetzt langsam auch in Deutschland anzukommen, zumindest bleibt es zu hoffen. Das Fenster für die Digital Health steht weit offen, ihren Nutzen und ihre Chancen könnte man nicht deutlicher zeigen. Wir sollten sie ergreifen und im Nachgang der Krise über eine Digitalisierungsstrategie sowie noch offene Fragen zur Infrastruktur und zum Schutz der Daten im digitalen Gesundheitssystem diskutieren.

Auch ganz praktische Beispiele machen die Chancen der Digitalisierung deutlich. Zu ihnen gehört dieser Fall in Italien: Ein Krankenhaus in der Lombardei hatte nicht nur mit vielen Corona-Infizierten, sondern auch mit defekten Ventilen ihrer Beatmungsgeräte zu kämpfen. Der Hersteller konnte aufgrund der weltweiten Notlage keine Ersatzteile liefern. Als ein 3D-Drucker-Experte davon hörte, machte er sich auf den Weg zu dem Krankenhaus, um mit einem 3D-Drucker Ersatzteile herzustellen.

Technologie an forderster Front

Die Entwicklung von Chatbots für medizinische Fragen steckt in den Kinderschuhen. Grund dafür sind strenge gesetzliche Regelungen in der Medizin. Das Startup DOCYET hat für das Coronavirus einen Chatbot entwickelt, der informiert und das persönliche Infektionsrisiko einschätzt. Der Chatbot wird täglich aktualisiert und mit den neuen Entwicklungen sowie Informationen aus der Wissenschaft und Forschung versorgt.

Einen Vorstoß für eine bessere Patientensteuerung macht die Charité mit der browserbasierten App CovApp. Diese Webanwendung enthält einen Fragebogen, um die Wahrscheinlichkeit einer Infektion mit dem Coronavirus einzuschätzen, gibt Handlungsempfehlungen und informiert über die nächsten Schritte. Für die Ärzt*innen in den Berliner Untersuchungsstellen hat die App zusätzlich den ganz konkreten Nutzen, die Antworten des Fragebogens per QR-Code auslesen und so schneller Handeln zu können.

Selbst die Bundesregierung sieht die Krise als Chance und veranstaltete zusammen mit sieben sozialen Initiativen vom 20. bis zum 22. März einen digitalen Hackathon, an dem knapp 43.000 Menschen teilnahmen. Im Rahmen des #WirvsVirus Hackathons wurden innovative Ideen und Lösungen zur aktuellen Coronakrise gesucht und entwickelt. Wer sich einen Überblick über die vielversprechenden Ideen und Projekte des Hackathons verschaffen möchte, macht das am besten bei YouTube: Unter dem Hashtag #WirvsVirusHack stellen sich die Projekte in kurzen Videos vor.

Nicht nur die Verständigung zwischen Ärzt*innen und Patient*innen steht vor einer Herausforderung, sondern auch die Kommunikation und Wissensvermittlung zwischen Praxen und Kliniken. Dafür hatte Nordrhein Westfalen ein Projekt für den Aufbau eines virtuellen Krankenhauses gestartet, das jetzt früher implementiert werden soll als geplant. Es entsteht eine Wissensplattform, in der die Expertise von Spitzenzentren landesweit verfügbar gemacht wird.

Mit Algorithmen und Machine Learning können Massen an Daten gesammelt und ausgewertet werden. Zu Beginn der Coronawelle wurden sie vor allem dafür eingesetzt, um die Verbreitung des neues Viruses vorherzusagen. So durchsuchte das kanadische Unternehmen BlueDot mithilfe einer sogenannten „KI“ täglich über 100.000 Artikel in 65 verschiedenen Sprachen und schlug noch vor den örtlichen Gesundheitsämtern und der World Health Organization (WHO) alarm.

Während sich Care Roboter für uns noch wie Zukunftsmusik anhören, sind sie in den USA und China bereits realität. In Washington, D.C. wird ein mit COVID-19 infizierter Patient von einem Roboter behandelt und in China liefern Roboter Mahlzeiten an Quarantänepatienten oder sammeln Müll und Bettwäsche in Krankenhäusern ein.

Heiß diskutiert wird währenddessen die Frage, ob Bewegungs- und Standortdaten oder die Daten von Fitnesstrackern zur Analyse der Ausbreitung des Viruses verwendet werden sollten oder nicht. In China wurden solche Daten genutzt, um Ausgangssperren zu überwachen. Bei uns studiert das Robert-Koch-Institut Geodaten von der Deutschen Telekom, um Verbreitungsmuster nachzuverfolgen. Wohingegen Unternehmen in den USA mit ihren Daten u.a. Heatmaps darüber erstellen, wo sich die Menschen an die Regeln des „physical distancing“ halten und wo nicht. Alle diese Ideen haben die Chance, die Ausbreitung sichtbar und kontrollierbarer zu machen. Doch gleichzeitig sind sie große Einfallstore, um den Datenschutz aufzuweichen.

In Israel weiten viele Healthcare Startups ihre Dienste auf die Bekämpfung des neuen Coronavirus aus. Von der Automatisierung von Testinfrastruktur über die Anwendung von maschinellem Lernen bei der Diagnose von COVID-19 bis, Telemedizin, Patientenmanagement bis hin zur Erforschung und Entwicklung von Therapien und Impfungen stellen sie ihr Know How und ihre Kapazitäten in die Dienste der Virusbekämpfung.

Makerspaces laufen derweil zu Höchstformen auf. Die Distributed Design Market Platform listet Initiativen und Communities, die sich mit den ihnen zur Verfügung stehenden Ressourcen für die schnelle dezentrale Produktion von Gesichtsmasken, Gesichtsschutzschilde, UV-Desinfektionsgeräten und vielem mehr einsetzen. Open Source spielt dabei eine besondere Rolle, denn die Designs der Produkte sind für alle frei zugänglich und nutzbar. So kann sich jeder beteiligen und helfen.

Zudem zeigt ein Pfadfinder, dass mit der richtigen Idee jeder helfen kann. Der 13-jährige Quinn Callander erleichtert Krankenhauspersonal mit einer Art „Ohrenschutz“ den Alltag. Denn vom ständigen Maskentragen schmerzen den Ärzt*innen und Pfleger*innen oft die Ohren, an denen die Masken in der Regel befestigt sind. Sein sogenannter „Ear Guard“ ist ein 3D-gedruckter Plastikstreifen mit Haken, an denen die Maske stattdessen am Hinterkopf fixiert wird.

Wahrscheinlich werden in den nächsten Wochen weitere solcher Beispiele die Chancen der Digitalisierung im Gesundheitswesen sichtbar machen. Dieser Artikel soll diese dokumentieren und wird deshalb regelmäßig aktualisiert.