Was steckt eigentlich genau dahinter?

Immer wieder findet man gebrauchte, weggeworfene Matratzen auf den Straßen Berlins und anderer Großstädte. Sie weisen Flecken und Abdrücke von Körperlichkeit auf – ansonsten im Privaten verborgen, sind sie nun für aller Augen sichtbar. Das Relief der Gebrauchsspuren und die zu Mustern geronnen Körpersäfte verweisen auf Ereignetes. Die Matratze ist eine Art Medium, welches in seinen Schichten individuelle Erinnerungen und Geschichten sammelt und Beziehungen und Verhältnisse speichert.

Es gibt nur wenige Dinge, die dem Menschen über lange Zeit so nahe sind wie die Matratze. Schließlich verbringt er gut ein Drittel seines Lebens schlafend. Nichts anderes nimmt im Leben so viel Platz ein, wie die Zeit, die der Mensch in seinem Bett, auf seiner Matratze, verbringt. Sie ist eine Art Lebensgefährtin, die, obwohl sie stumm bleibt, auf all die Dinge anspielt, die wir auf ihr tun: schlafen, träumen, arbeiten, leben, sich biologisch fortpflanzen oder ableben, manche machen gar eine Wissenschaft aus ihrer Matratzenwahl: Latexkern, Memoryschaum – oder doch lieber Kaltschaum?

Darüber hinaus fungieren Matratzen als diverses Kommunikationsmittel, ob verbal oder nonverbal. Wir kommunizieren und tauschen innige Erfahrungen auf ihnen aus. Durch diese Intimität animieren Matratzen uns auch zu lockeren Gesprächen und schaffen eine Aura der ungefährdeten, gleichberechtigten Begegnung mit anderen. Gleichzeitig können Matratzen auch als aktives Mittel zur Blockade und zur Besetzung von Räumen und Orten verstanden werden. Und nicht zuletzt als Argumentationsgrundlage in Bezug auf das Aufzeigen von Mängeln im öffentlichen urbanen Raum.

Die Funktionalität, Art und Weise, sowie die Nutzung und Benutzung von Matratzen ist so vielfältig und kann individuell gestaltet werden. Und trotzdem landen viele Matratzen auf der Straße, wenn sie ausgedient haben, achtlos abgestellt am Mülleimer, zwischen Flaschenpfand und Dönerresten. Haben sie nicht Besseres verdient?

Nachdenken über Matratzen – mit einem Augenzwinkern

Für Andreas Gebhard sind sie mehr als alte Matten. Menschen entsorgen solche Objekte, mit denen sie zeitweise in ihrem Leben sehr vertraut und intim waren, bedenkenlos auf der Straße. Um auf dieses Paradoxon aufmerksam zu machen, hat Andreas Gebhard, Mitbegründer der Berliner Digitalkonferenz re:publica, den 2017 erstmals stattfindenden „World Mattress Day“, den „Weltmatratzentag“, ins Leben gerufen.

Er fing irgendwann an, die auf der Straße zurückgelassenen Matratzen zu fotografieren, und Fotos von intimen und achtlos in den Straßen entsorgten Objekten zu machen. Das gesammelte Potpourri von zurückgelassenen Matratzen findet man auf seinem Instagram-Account Mattresses of Berlin, dort postet Andreas Gebhard seit über einem Jahr Bilder. „Ich finde es interessant, dass Menschen Dinge, mit denen sie so viel Zeit verbringen, einfach wegwerfen“, sagt er. Mit dem Lieblingspulli würde man das schließlich auch nicht machen. „Das Bett ist etwas sehr Intimes. Mit dem World Mattress Day wollte ich die Menschen zum Nachdenken darüber anregen – mit einem Augenzwinkern natürlich.“ Die Verbreitung von Matratzenfotos scheint ein globales Phänomen zu sein. Denn: Auf Instagram gibt es – um nur einige Beispiele zu nennen – Matratzenbilder und dazugehörige Accounts aus Paris, Sydney, New York, Detroit und einen sogar nur für Ost-Londoner Matratzen.

Im neuen Kontext: Matratzen im Stadtraum?

Das Bild von Matratzen, dem intimen Objekt, welches als Rückzugsort und primär als Schlafmöglichkeit in den eigenen vier Wänden genutzt wird und zugleich zurückgelassen im öffentlichen Raum liegt, schafft nun für Kreativschaffende einen neuen Spielraum im Betondschungel der Stadt. Für Sprayer ist die Matratze der ideale Untergrund, weil es für diese Graffitis auf den ausrangierten Objekten keine Genehmigung braucht und man sich kaum wegen Sachbeschädigung strafbar machen könne. Manche Matratzen sind bemalt oder mit politischen Botschaften versehen, „Fuck Donald Trump“ steht auf einer Berliner Matratze.

Die französische Künstlerin Lor-K macht aus gefundenen Matratzen sogar Fast-Food-Skulpturen: Dazu zerschneidet und bemalt sie den alten Schaumstoff und bringt ihn dann in die Form von mann-sgroßen Pizzastücken, Wraps und Sushirollen. Die Matratze ist und bleibt nach wie vor ein Kommunikationsträger für den Einzelnen. Durch Aktivismus von Kreativschaffende an dem Objekte, welches unbeachtet am Wegesrand stand, geben sie der Matratze eine neue Bedeutung im öffentlichen Raum. Leute bleiben stehen und bewunderten das, woran sie zuvor einfach vorbeigegangen wären.

Mattresses of Berlin- Ausstellung

Auch in 2018 wird es wieder im Rahmen des World Mattress Days am 9. Juni eine Ausstellung zu Mattresses of Berlin geben. Die Matratze. Kommt aus dem Italienischen, materazzo, und bedeutet so viel wie Bodenkissen. Darum dreht sich die Ausstellung, in der Fotos als Reproduktion von intimen Objekten – hier Matratzen – auf den Straßen gezeigt und Besucher durch verschiedene Performances und Installationen zum Nachdenken angeregt werden. Die Betrachtung eines Paradoxons mit einem Augenzwinkern: Die Matratze im öffentlichen Raum. Verwirrend. Denn so intim ist sie am Ende doch so fern. Weitere Infos zur Ausstellung folgen in den nächsten Wochen über diese Website.